Radtour Stuttgart – Zittau (Abi 1988)

Gefahren vom 1.10.2013 – 3.10.2013. Zum Anlass des 25-jährigen Abitreffens und natürlich als eine neue sportliche Herausforderung.

 Tag 1Tag 2Tag 3Summe
Strecke in km273.2165.4202640.6
Höhenmeter2.0472.4532.7047.204
Zeit12:398:339:3030:42
Kalorien8.8326.0606.93921.831

Die folgenden Zeilen versuchen, die Stimmung und die vielen Eindrücke von diesem Erlebnis ein wenig wiederzugeben.

Tag 1: Stuttgart – Nürnberg – Obertrubach (273 km)

Gleich am ersten Tag möchte ich die Königsetappe fahren.  Denn nur am ersten Tag werde ich sehr zeitig starten können.

So starte ich gegen 5 Uhr. Die Nacht habe ich nur schlecht geschlafen, Ohrenschmerzen quälten mich und ich fühlte mich am Vorabend auch nicht gut. Wahrscheinlich das übliche Gejammere vor dem Start.

Jedenfalls geht es jetzt los. Es ist feucht und kalt. Dichter Nebel erschwert die Sicht. Mein Reisegepäck ist optimiert befindet sich in zwei wasserdichten  Seitentaschen am Gepäckträger.

Zum Reisgepäck gehören

  • ca. 20 Energieriegel
  • Getränkepulver
  • Werkzeug
  • Ersatzteile
  • Wechselsachen

Ich radel durch den noch dunklen und nebligen Morgen zügig die erste Stunde ab. Der erste Schock kommt in Schorndorf. Der Radweg ist voll gesperrt und ich kann mich nicht vorbeimogeln, da eine Brücke abgerissen wird. Keine Fußgänger sind unterwegs, mein Garmin Radnavi weiss auch nicht weiter und mein Handy hat kein Empfang. Dann reißt mir auch noch mein Gepäckträger ab und mein ganzes Gepäck liegt im Berufsverkehr auf der Straße. Das geht ja gut los. Über 200 km habe ich noch auf den Plan.

Irgendwie schaffe ich es dann doch mich neu  zu orientieren. Zum Glück hatte ich mir noch eine Liste mit den wichtigsten Orten eingesteckt. Plüderhausen war die Rettung. Ich finde auf meine geplante Route wieder zurück, die Sonne geht auf und paar Rehe auf der Wiese schauen mir hinterher.

Ich komme langsam in Fahrt. Bei Kilometer 100 mache ich den ersten Stopp. Ein frischer Kaffee, zwei Riegel, die Trinkflaschen mit Wasser neu aufgefüllt und es geht weiter.

Den nächsten Stopp gibt es bei Kilometer 130. Langsam kommt Routine rein. Die Strecke ist nicht besonders anspruchsvoll. Nur permanenter Güllegestank macht mir zu schaffen. Aber so ist es eben auf dem Land.

Ich erreiche zum Nachmittag Nürnberg. Der Tacho zeigt inzwischen über 200 km an. Aus Nürnberg finde ich mich zum Glück schnell wieder heraus und verlasse die Stadt über das schöne Örtchen Lauf in Richtung meiner ersten Übernachtung.

Die letzten 30 km zum Hotel fahre ich im Dunkeln. Zum Glück ist fast überhaupt kein Autoverkehr und ich erreiche gegen 19.30 Uhr endlich das Hotel in Obertrubach.

Nach einer heißen Dusche, einem wunderbaren vegetarischen Abendessen und einem Bier falle ich ins Bett und schlafe gleich ein.

 

Tag 2: Obertrubach – Hof – Klingenthal – Oberwiesenthal (165 km)

Die Nacht war kurz, aber ausreichend. Nach Frühstück geht es auch schon wieder gegen 8 Uhr los. Raureif ist auf den Wiesen und Dächern unübersehbar. Mein erstes Ziel ist Bayreuth. Leider habe ich die geplante Route nicht ausführlich geprüft, denn sie führt mich immer wieder in den Wald auf Schotterpisten. Das ist mir jedoch für meine Reifen zu gefährlich, weiter möchte ich auch vorankommen. So pfeife ich auf meine geplante Strecke und nehme die Straße Richtung Bayreuth.

Ich komme gut voran. Wenn ein Radweg da ist wechsle ich darauf, wenn dicker LKW hinter mir ist, dann fahre ich kurz an die Seite. In Bayreuth finde ich wieder auf meine ursprünglich geplante Route zurück, verfahre mich natürlich prompt und erreiche dann trotzdem am Nachmittag Hof.

Irgendwie ist das nicht mein guter Tag. Ständige Selbstzweifel zermürben mich. Und ich bin wütend, dass ich die Strecke so schlampig geplant habe. Nach einsamen Fahrten durch einsame Wälder und Ortschaften muss eine Entscheidung her. Das Tagesziel Oberwiesenthal ist nicht mehr zu schaffen. Ich könnte noch einen Tag dranhängen. Aber ich will nach Oberwiesenthal, denn darauf bin ich quasi programmiert und ich entscheide mich nach 165 km in Klingenthal für ein Taxi.

Als ich in Oberwiesenthal ankomme ist es stockdunkel und weit unter 0 Grad. Die Entscheidung war vollkommen richtig. In einer lauen Sommernacht mit Begleitung wäre das letzte Stück auch ohne Taxi noch zu schaffen gewesen.

Beim Abendessen bin ich fast ganz alleine und das hektische Verhalten der Bedienung gibt mir zu verstehen, dass es Zeit ist für Feierabend.

Nach 3 Bieren möchte ich dann auch gehen. Leider bekomme ich gerade beim Aufstehen einen Krampf und falle in einen Blumenkasten auf dem Fensterbrett. Ich kläre die Bedienung noch kurz auf, dass das nicht von Alkohol kommt und verschwinde Richtung Bett.

Auf dem Hotelgang lache ich dann noch über die kräftigen, sächsischen Fluche, die ich aus den Zimmern höre. Deutschland spielt gerade in der Champions League: „Isch werd nochmal bleede hier….“

 

Tag 3: Oberwiesenthal – Pirna – Oppach – Zittau (202 km)

Routiniert frühstücke ich, packe meine Taschen und um 8 Uhr stehe ich mit meinem Bike fahrbereit vor dem Hotel.

Nach den Navigationsproblemen von gestern, möchte ich heute nur Straße fahren. Oberwiesenthal – Annaberg-Bucholz – Dippoldiswalde – Pirna – Oppach – Zittau ist mein grober Plan.

Es ist saukalt und ein eisiger Ostwind macht mir das Pedalieren nicht leicht. Der Wind ist teilweise so stark, dass ich sogar einmal das Fahrrad schieben muss. Es ist zum Fahren einfach zu gefährlich.

Mein Ziel für den ersten Zwischenstopp ist Dippoldiswalde. Meine zwei Trinkflaschen sind inzwischen leer und ich bekomme Durst.

Als verwöhnter Städter hoffe ich auf eine Tankstelle. Doch es kommt keine Tankstelle, kein Bäcker, auch nicht die nächsten 20 Kilometer.

Durst ist überhaupt nicht gut. Schnell kann der Mann mit dem kleinen Hammer kommen und man bekommt den gefürchteten Hungerast und dann geht überhaupt nichts mehr.

So fahre ich zu einem kleinen Bauernhof und bitte einen Bauern um Wasser. Im breitesten sächsisch erklärt mir der Bauer, dass das Wasser reines Brunnenwasser und „…oooooohne Cloooohr..“ ist. Weiter fragt er mich, ob ich eigentlich noch alle Latten im Zaun habe und bei dieser Kälte Fahrrad fahre. Aber die gleiche Frage stelle ich mir auch schon einige Zeit.

Nachdem ich vom Bauern wegfahre, taucht 10 Minuten später eine Tankstelle auf. Ein schöner warmer Kaffee muntert mich wieder auf.

Leider möchte ich beim nächsten Abzweig ganz schlau sein, entgegen meiner ursprünglichen Planung biege ich falsch ab und verliere dadurch mindestens 2 Stunden.

Bessere Vorbereitung hätte geholfen! ;-(

Bessere Vorbereitung hätte geholfen! ;-(

Aber ich bin selbst Schuld. Hätte ich mal die Streck besser geplant. „Hätte, hätte Fahrradkette.“ Die Situation ist nun mal so wie sie ist, jammern hilft nicht und eine weitere Entscheidung muss her.

Pirna ist mein nächstes Ziel, dann Taxi bis Oppach und anschließend Zieleinlauf in Zittau.

Das Glück ist noch immer auf meiner Seite, denn in Pirna wartet ein freies Taxi (VW-Bus) auf mich. Der Fahrer ist von meiner Tour begeistert, erzählt mit humorvoll paar nette Anekdoten aus seinem Leben und bringt mich schnell nach Oppach.

Hätte ich im Bus wenigstens die Jacke ausgezogen, denn jetzt klappere ich vor Kälte und gebe auf den ersten Kilometern richtig Gas. Es wird dunkel.

Ich habe nur noch ca. 40 km vor mir und die heiße Dusche wartet schon. Die Bergketten werden mir immer vertrauter. Heimat.

Jede Kurbeldrehung ist Genuss und das Ziel rückt immer näher. Mein Schwager erwartet mich mit seiner Familie, Deutschlandfahne und knallenden Sektkorken. Ich bekommen kaum einen Ton heraus, weil mein Kiefer vor Kälte fast taub ist.

Zusammenfassung

Einmal mit dem Fahrrad von Stuttgart in meine alte Heimat Zittau. Davon hatte ich schon immer geträumt. Diesmal war der Zeitpunkt auch günstig und auch das Wetter passte (bis auf die Kälte).

Aus sportlicher Sicht waren die insgesamt gefahren 640 Kilometer zu meistern. Ich hatte mich darauf sehr gut vorbereitet. Auch an meiner Ausrüstung gab es nicht zu meckern. Gut, das Fahradschloss hätte ich vielleicht weglassen können. Aber jedes Gramm mehr erhöht den Trainingseffekt. 🙂

Problematisch war mein schlampige Navigation. Ich hätte Tour besser planen müssen und ich habe mich bei der Planung zu naiv auf Radtourenplaner verlassen, die mich teilweise über Feldwege geführt haben. Tagesetappen mit über 200 Kilometern kann man nur auf der Straße fahren. Aber wie heißt es so schön: „Der Weg ist das Ziel“. Und wenn man die Sache selbst verzapft hat, dann mach man es beim nächsten Mal umso besser. Schwamm drüber, ich bin heil angekommen.

Jedenfalls kann ich jeden so ein Abenteuer empfehlen. Verlasse Dein Hamsterrad und überquere physisch und psychisch Deine rote Linie! Es macht stark für den Alltag.

Kette rechts!

 

4 Kommentare auf “Radtour Stuttgart – Zittau (Abi 1988)”

  1. Moin Maik,

    ein schöner Bericht zu deiner Tour!
    Manche Navigationsprobleme kenne ich auch, Baustellen, die man vorher nicht einplanen konnte, zum Beispiel … Da nervt mich regelmässig das kleine Display des GPS, bei dem man keinen richtigen Überblick bekommt, wo es sinnvollerweise weitergehen sollte. Aber angekommen bin ich dennoch meist. 😉
    Ich verwende relativ viel Zeit für die Routenplanung. Dabei füttere ich ab und an verschiedene Routenplaner um zu schauen, wer wohl das beste Ergebnis liefert. Und die Ergebnisse mische ich dann noch, rühre gut um und überprüfe oft auch per Google Earth, ob die Strecke fahrbar scheint. Perfekt ist’s so auch noch lange nicht, aber ich bin oft schon mit dem Ergebnis zufrieden. 🙂

    Aber du kannst auf jeden Fall auch mit dem Ergebnis deiner Tour zufrieden sein! 640km/7000hm fahren auch nicht allzu viele Leute an drei Tagen! (Und jetzt überlege mal, wie weit du kommst, wenn die Navigation besser funktioniert!)

    Gruß
    Harald

  2. Maik sagt:

    Hallo Harald,

    vielen Dank für Deinen Kommentar.

    Deine Raderlebnisse sind für mich ständige Motivation. 🙂

    http://www.blesshuhnweg.de/2013/10/06/400km-brevet-die-durchfuehrung/

    Kette rechts!

    Maik

  3. Klaus sagt:

    Hallo Maik,
    schöne Tour, danke für die umfangreiche Beschreibung. Ich bin im August auch eine längere Strecke gefahren (ähnliches Gebiet) – von München nach Franken. Die Schotterstrecken fand ich ganz abwechslungsreich.
    http://gelegenheitsradler.de/2013/08/18/munchen-unfinden/
    Es ist sehr schwierig in der Planung solche Abschnitte auszuschliessen. Wer will schon ständig auf Bundesstrasse fahren. Das Problem ist die Vielzahl der mit Rad befahrbaren Wege. Dafür finde ich die unterschiedlichen Routenplaner schon sehr gut. Wie Harald schon sagte: verschiedene benutzen, vergleichen, in GoogleEarth checken.

    Hau rein
    Klaus

  4. Elke sagt:

    Hallo Maik,

    ich bin fasziniert von deiner Geschichte und ziehe den Hut… Dazu gehört schon ein ganzes Stück Arbeit, Planung und Durchhaltevermögen. Respekt. Aber Du hast recht, manchmal sollte man über seinen Schatten springen und was “ fast “ unmögliches machen.
    Danke auch , das Du Kerstin besucht hast. Ich stehe auch noch regelmäßig mit ihr in Kontakt, nur schade… , das uns 680 km trennen.

    Liebe Grüße

    Elke

Hinterlassen Sie einen Kommentar