Transalp 2012 Tegernsee – Gardasee

MTB TrainingNach wochenlanger Vorbereitung mit Konditions- und Techniktraining fühlen wir uns jetzt reif, die Alpen mit dem MTB zu überqueren.

Mein Frau fährt die “normale” Tour mit 5 Etappen, ca. 390 km und 6.200 hm. Ich fahre die Variante Sport mit ca. 456 km und 11.200 hm.

 

Die Etappen:

  1. Tegernsee – Zillertal
  2. Zillertal – Sterzing
  3. Sterzing – Lajen
  4. Lajen – Auer
  5. Auer – Gardasee

Die Tour ist geführt und unser Gepäck wird von Hotel zu Hotel transportiert. Los geht es am Tegernsee und nach 5 Etappen sind wir am Gardasee. Zurück fahren wir mit dem Bus. Organisiert wird die ganze Tour von beitune.

 


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Tag 1: Tegernsee – Zillertal

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90 km, 2270 Höhenmeter

Wir treffen uns am Bahnhof von Tegernsee. Die Autos können wir kostenfrei in unmittelbarer Nähe parken. Wegen Teilnehmermangel kommt die Frauengruppe. So fährt sie in einer gemischten Gruppe mit. Die Gruppen werden aufgeteilt, die Guides stellen sich vor. Man spürt bei allen die Aufregung. Wird man durchhalten? Hält das Material? Wie wird das Wetter?

Nach kurzem Bikecheck geht es auch schon los. Ich bin in der Tour Sport. Wir sind zusammen mit dem Guide acht Radler. Das Tempo ist sehr sehr zügig. Darauf habe ich mich lange vorbereitet. Jetzt bloß nicht übertreiben und nicht schon am ersten Tag alle Körner verstreuen.

 

Ich versuche im vorderen Drittel mitzuhalten. Jetzt ist höchste Konzentration gefragt. Wie fährt der Vordermann? Hält der Hintemann genügend Abstand oder schießt er mich in der nächsten Kurve ab? Es läuft gut. Bergauf und in den Kurven versuche ich den Puls wieder runter zu bekommen, bergab ist vorausschauendes Fahren gefragt. Das Wetter spielt mit. Es scheint immer wieder die Sonne, kein Regen, jedoch ist der Wind kalt und es könnte paar Grad wärmer sein.

Die letzten 30 km durch das Zillertal laufen zäh. Zwei Mann brechen ein und werden die nächsten Tage nicht mehr in der Gruppe dabei sein.

Im Hotel hat der Fahrer bereits unser Gepäck auf das Zimmer gebracht. Beim Abendessen erfahren wir, dass ein Fahrer aus anderen Gruppe nach einem Zusammenstoß  mit einem anderen Fahrer die Tour leider abbrechen muss.

Wir lernen uns weiter kennen. D. aus meiner Gruppe macht die Tour “nur”, um sich auf seine Marathons vorzubereiten. Dieses Jahr ist er schon über hundertausend Höhenmeter gefahren.

Tag 2: Zillertal –> Sterzing

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80,5 km, 1870 Höhenmeter

Gut ausgeschlafen und gut gelaunt starten wir gegen 8.30 die zweite Etappe. Heute geht es vom Zillertal über den Alpenhauptkamm nach Italien.

Wir fahren mit sehr hohem Tempo und starker Rückenwind bläst uns entlang der Iller aus dem Zillertal Richtung Mayrhofen. Von Mayrhofen kurbeln wir auf der Landstraße die Serpentinen hoch bis zum Schlegeis-Stausee und kassieren dabei viele MTB-Fahrer und auch paar Rennradfahrer. Drei unglaublich fitte und gut gelaunte Österreicherinnen holen uns jedoch nach jeder Fotopause immer wieder ein. Respekt, so fit möchte ich auch mit Ende 50 sein.

Angekommen am Stausee vermute ich, dass die Wasserblase in meinem Rucksack defekt ist.  Dem war nicht so. Es war mein Schweiß, der mir in Bächen den Rücken runter lief. Mit nasser Hose verbringe ich zitternd im schönsten Sonnenschein aber kaltem Wind die Mittagspause.

Zum Zittern blieb jedoch nicht viel Zeit, der Schweiß lief bald wieder reichlich. Vom Stausee ging es über nicht enden wollende Schotterpisten mit sehr langen Schiebepassagen hoch zum Pfitschjoch Richtung italienische Grenze. Angekommen am höchsten Punkt ging es wieder bergab. Die Trails waren teilweise so steil, dass ich lieber geschoben habe.

In Italien wurde es spürbar wärmer. Wir legten ab und ließen uns bei der Abfahrt trocken föhnen.

Angekommen am Ziel in Sterzing gönnten wir uns erstmal ein italienisches Eis und warteten dann sehr lange auf die zweite Gruppe. Nach gefühlten drei Stunden kamen sie endlich an.

Tag 3: Sterzing -> Lajen 

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78 km, 2545 Höhenmeter

Wir starten gemütlich und rollen auf einem super ausgebauten Radweg Richtung Brixen. Tour Sport wäre jedoch nicht Tour Sport, wenn es nicht gleich richtig zur Sache gehen würde. Ein nicht enden wollender Schotterpfad macht uns das Leben schwer. Es ist schwül, der Dampf steigt aus dem Wald und der Schweiß rinnt in Bächen.

Der Schweißgeruch zieht jede Menge Viechzeug an. Zu der Belastung des Aufstieges kommen jetzt noch Attacken von Bremsen. Drei erwischen mich und die Schwellungen halten ein paar Tage an. Ab und zu muss ich schieben. Jetzt spüre ich die Anstrengungen der ersten beiden Tage. Ich habe keinen Einbruch, jedoch habe ich nicht mehr ganz 100 Prozent Leistung. Auch Mitstreiter G. schiebt ab und zu.

Wir durchfahren verschlafene Dörfer, erfrischen uns an kleinen Brunnen und steigen immer weiter auf. Da ein Gewitter aufzieht, ändern wir unsere Route und kommen in den Genuss einer herrlichen Abfahrt. Da war er endlich:  der Flow von dem die Downhiller schwärmen, wenn man locker und geschmeidig den Berg runterbrettert, teilweise springt, das Vorderrad hochreißt oder an Stellen, wo man früher garantiert geschoben hätte, einfach weiter fährt. Jetzt macht sich mein Traning der letzten Monate bemerkbar.

Irgendwann kommen wir alle heil und sturzfrei mit glühenden Bremsen im Tal an, machen während eines Regenschauers Kaffeepause und erreichten am Abend das verschlafene Dörfchen Lajen.

Tag 4: Lajen-> Auer 

104 km, 3250 Höhenmeter

Die Königsetappe – an diesen Tag werde ich mein Leben lang erinnern

Heute steht sie an: die Königsetappe. Ca. 115 km und ca. 3250 Höhenmeter. Zwei schwere Anstiege sind zu bewältigen, dazu viele Trails und eine Abfahrt von über 2000 Höhenmetern.

Nach wenig Schlaf fallen die ersten Kilometer sehr schwer, denn es geht auch gleich wieder mit hohem Tempo bergauf.

Nach paar heftigen Wellen geht es ab in den Wald. G. habe ich vor mich gelassen und ich meine noch im Spaß: “Fahr ruhig vor, damit ich etwas zum Lachen habe” da passiert es auch schon. Sein Sattel ist sehr hoch, er übersieht einen Stein, das Vorderrad bleibt stehen, der schwere Rucksack gibt einen zusätzliche Impuls Richtung Boden und zum Schluß bekommt er noch den Sattel wie einen Dolch in Rücken. Bloß gut, dass sein Helm fest war, denn er schlägt auch noch mit dem Kopf auf einen Stein.

Nach weiteren Abfahrten und Aufstiegen muss G. leider aufgeben und er wechselt in die “normale” Gruppe. Da ich mit G. seit dem Vortag eher die hinteren Plätze in der Gruppe Sport belegt hatte, bin ich jetzt nur noch allein mit den anderen 3 Boliden: Der Guide ist eh nicht klein zu kriegen. A. (nebenbei Skilehrer) wir immer besser und D. (der Marathonläufer mit über 100.000 Höhenmeter in diesem Jahr) schwächelt auch kein einziges Mal. Als nach unzähligen Wellen mein Puls über 160 ist, brauche ich dringend eine Verschnaufpause, zumal wir auch noch über 1500 Höhenmeter vor uns haben.

Bei einer rasanten Abfahrt, muss ich wegen der Anstrengung mal kurz meine Hände entspannen, promt ist da ein Stein an der falschen Stelle und ich stürze. Zum Glück hält A. hinter mir genügend Abstand. Weniger günstig war, dass sich eine Kuh kurz vor uns entleert hatte und meine Hose jetzt nicht nur nach Schweiß, sondern auch nach Kuhsch…. stinkt.

Heute wird ein harter Tag, der härteste der ganzen Tour. Vor allem ist mentale Stärke gefragt.

Doch mein Ziel ist fest fixiert. Ich werde nicht aufgeben und ich will heute unbedingt diese Etappe schaffen. Ihr werdet mich erst los, wenn ihr mir die Kette durchschneidet und mir die Knochen brecht!

Ich merke wie sich mein Unterbewusstsein auf dieses Ziel fixiert hat. Unbewusst wie hypnotisiert wende ich mich von der Gruppe ab und ich rede immer weniger. Dabei gibt es überhaupt keinen Druck von der Gruppe. Der nächste Berg gehört mir. Bei einer Kaffeepause bitte ich A. meine Rechnung zu zahlen, damit ich schon losfahren kann. Schwere Serpentinen liegen vor uns, ca. 7 Kilometer. Ich suche die richtige Übersetzung und eine runden Tritt. Klack, Klack….. niemand hält mich auf, dieser Anstieg brennt sich in meinen Kopf ein. Ein Regenschauer setzt ein. Wie ich die Regenjacke an habe, scheint plötzlich die Sonne. Egal, treten, treten noch zwei Kilometer. Meine Verfolger haben mich inzwischen überholt und spornen mich an.

Zwischenziel geschafft. High Five, die verschwitzten Hände klatschen zusammen. Ein wunderschöner Regenbogen zeigt sich. Irgendwann sind wir ganz oben, vielleicht auch ganz oben, auf der Spitze meines Lebens.

Das wars. Ich habe die Königsetappe überstanden. Als wir die restlichen 2000 Höhenmeter runterbrettern, föhnt uns der warme Föhn aus dem Tal trocken. Was wir heute geschafft haben, macht mich unheimlich Stolz.

Tag 5: Auer-> Gardasee

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103 km, 1313 Höhenmeter

Heute ist der letzte Tag unserer Transalp. Nach der gestrigen Königsetappe soll es ein eher gemütlicher Tag werden. Die Grobplanung: Erstmal ca. 50 km Radweg, dann eine heftige Schiebepassage, anschließend noch “paar Anstiege” und dann Ausrollen bis zum Gardasee.

Wir starten an einen herrlichen Morgen, lassen die hektische und laute italienische Kleinstadt hinter uns und fahren auf einen wunderschönen Radweg entlang der Etsch, dem zweitlängsten Fluß Italiens. Uns begegnen immer häufiger andere Radgruppen, Mountainbiker, Rennradler und Tourenradler. Manche vollgepackt mit Zelten, Solarzellen, Isomatten, Kochern und Navigationsgeräten.

Es läuft sehr gut. Der Druck der letzten Tage ist raus. Ich fühle mich sehr entspannt. Nur meine Vorderradbremse quietscht permanent, so dass ich sie leicht ziehen muss. Die ersten 50 km Radweg bringen wir schnell hinter uns und wir erreichen die Schiebepassage. Ich kann es nicht glauben, dass es hier überhaupt einen Weg gibt. Durch das Grünzeug schimmert ein schmaler Pfad. Es ist so steil, dass man kaum laufen kann. Dazu kommt noch das Fahrrad und der nicht zu unterschätzende Rucksack. Mir kommen Zweifel was wir hier überhaupt tun. Es ist unglaublich steil. Irgendwann erreichen wir jedoch die Spitze und genießen ein unbeschreiblichen Ausblick. Dafür hat sich der schwere Anstieg auf alle Fälle gelohnt.

Nach paar weiteren Wellen entscheiden wir uns für die Mittagspause. Unser Guide kennt hier nicht nur jeden Baum, sondern auch versteckte und wunderschöne Lokale. Das kleine Lokal ist in einem Innenhof und sehr geschmackvoll eingerichtet.

Nach Salat, Pasta und 1,5 Liter Cola wird unsere Pause durch einen platten Reifen bei unserem Guide etwas verlängert. Bloß gut

Wie auch bei den letzten Tagen, geht es nach der Mittagspause gleich sehr steil bergauf. Dazu kommt die Sonne, die direkt auf uns brennt. Laut Plan geht es noch paar Berge rauf und runter. Ich suche meinen Takt und stampfe wie eine Maschine den Berg hoch. Plötzlich steht unser Guide vor mir. Die Hände klatschen zusammen: “Das wars!” Wie das wars? “Ja, das war unser letzter großer Berg auf der Tour”.

In der Ferne ist deutlich der Dunst des Gardasees zu sehen. Wir brettern wieder zurück ins Tal auf Höhe der Etsch. Jetzt gibt es keinen Halt mehr. Wie entfesselt rasen wir mit teilweise mit 45 km/h Richtung Ziel. Einmal pfeift uns die Polizei hinterher. Uns hält nichts mehr auf. Selbst Rennradgruppen lassen wir stehen. D. brüllt manchmal von hinten “Gehts noch?”. Aber er ist genau so heiß auf das Ziel. Irgendwann erreichen wir im Adrenalinrausch den Gardasee. Die andere Gruppe muss kurz vor uns angekommen sein. Alle sind aufgelöst, die Sektkorken knallen. Jetzt die Klamotten runter und ab in den See. Diese Gefühle lassen sich nur schwer beschreiben. Man muss es einfach einmal in seinem Leben erlebt haben.

Im Hotel beim Abendessen bringen wir etwas Stimmung in die verklemmte restliche Urlaubergesellschaft, werfen nachher alle Tourguides in den Pool und lassen den Abend mit einigen Bieren und Cocktails in einer kleinen Bar ausklingen.

Was für eine geniale Woche. Es wird lange dauern, um alle Eindrücke zu verarbeiten. Aber nach der Tour ist vor der Tour. Jetzt muss ein neues Ziel her….

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